Federfarbenfee

Von jung und angejahrt in Wort und Bild

Gruselige Kurzgeschichten: “Wenn die Toten reden” – “Gothic Girl (Teil 1)”

Hey, nicht gleich wegclicken! Ihr seid hier schon noch richtig auf dem Blog der Federfarbenfee.

Derzeit bin ich ja schwer damit beschäftigt, meine Liebesroman-Trilogie unter Dach und Fach zu bringen. Daher fehlt mir aktuell einfach die Zeit und der Nerv, in die komplexe Welt von “Am Anfang war Lila” einzutauchen. Dieser, mein eigentlicher Romanerstling ist sowohl auf dem Blog als auch auf Wattpad in den Dornröschenschlaf gefallen, als meine zartherbe Liebesgeschichte allmählich (eine monströse) Gestalt angenommen hat. Und auch wenn “Am Anfang war Lila” sich danach sehnt, endlich fortgesetzt zu werden, muss es leider solange warten, bis der (Ex-)Schmelz eingetütet ist und meine Gedanken “lilatechnisch” wieder freie Bahn haben.

Einstweilen können jedoch ein paar Aufwärmübungen für meinen Gruselschreibmuskel nicht schaden. Und so habe ich auf Wattpad vor Kurzem mit diesem kleinen (?) Experiment angefangen. Da sich vielleicht auch unter meinen Bloglesern der ein oder anderen Liebhaber von Schauerliteratur findet, dachte ich mir: Warum dieses Projekt nicht auch hier veröffentlichen? Wer sich allerdings so gar nicht gruseln mag,  darf das Titelbild als Stoppschild verstehen. Immer wenn dieses ominöse Design da auftaucht, verbirgt sich dahinter ein Teil meiner spooky Short Stories.

Kleines Vorwort

Gute Geistergeschichten, die auf subtilen Grusel statt auf rollende Köpfe setzen, sind rar. Findet ihr nicht auch?

Vielleicht geht es euch ja ähnlich wie mir und ihr langweilt euch ebenfalls zu Tode (- dieser Umstand ist wahrscheinlich der eigentliche Horror an der Splatterliteratur -), wenn literweise Blut spritzt, Extremitäten durch die Gegend fliegen und zu allem Überfluss auch noch irgendwelche schleimigen Monster den Protagonisten auf sehr plumpe Art und Weise nach dem Leben trachten.

Zu meinem Leidwesen habe ich festgestellt, dass ich in Sachen “Psycho-Horror” weniger hartgesotten bin, seit ich Kinder habe. Aber dennoch kann ich nicht leugnen, dass hier eine meiner ursprünglichsten Domänen liegt. Die ersten Geschichten, die ich selbst ersonnen und meinem Publikum, damals bestehend aus einer Schar gleichaltriger Kindergartenfreunde, erzählt habe, waren solche, die uns alle (mich eingeschlossen) das Fürchten lehrten.

Und welche Jahreszeit, wenn nicht die dunkle, die nun mit dem November eingeläutet wurde, eignet sich besser, um dieses Faible für das Morbide wieder zu erwecken?
Zudem muss ich gestehen, dass mir der (Ex-)Schmelz in Sachen Liebesroman eine solche Überdosis verpasst hat, dass ich in literarischer Hinsicht jetzt interimsmäßig  dringend ein Kontrastprogramm benötige. Es verhält sich da wie mit der Schwarzwälder Kirschtorte, die ich für meinen Mann und mich zum Geburtstag gebacken habe: Da wir Geburtstage aus Prinzip nicht feiern und es folglich keine geladenen Gäste gab, mussten wir die Torte ganz alleine aufessen. Die ersten Stücke schmeckten noch himmlisch, aber spätestens das sechste Torteneck innerhalb von drei Tagen (die Kirschsahne hält sich nicht ewig im Kühlschrank), kam eher einer Strafe gleich. Und jetzt kann ich erstmal keine Torte mehr sehen. Weder Schwarzwälder, noch sonst irgendeine.

Gehen wir nun also vom Raum mit dem rosaroten Herzchendekor hinüber in jenes andere Zimmer, in dessen dunklen Ecken mysteriöse Schatten lauern, wo der Putz von den Wänden bröckelt und der alte Schaukelstuhl sich scheinbar von allein knarzend vor- und zurückbewegt.

~♱ Gothic Girl (Teil 1) ♱~

Sie war wieder da. Dort hinten an der Wand. Unbeweglich wie eine leblose Statue. Verborgen hinter all den gesichtslosen Menschen, die an ihr vorbeiströmten und die keinerlei Notiz von ihr nahmen.

Auch Sabine hatte das Mädchen zuerst nur für eine weitere, unbedeutende Statistin in ihren Träumen gehalten. Obwohl das, was man landläufig als siebten Sinn bezeichnete, schon Alarm geschlagen hatte, lange bevor Sabine in der Lage gewesen war, die beklemmende Präsenz dieses weiblichen Gruftis bewusst wahrzunehmen.

(Ich muss an dieser Stelle einen “Weiterlesen”-Tag einfügen, da ansonsten die Übersichtlichkeit auf meiner Website doch arg leidet. Wer im Reader mitliest, möge doch bitte kurz auf das Erdkugelsymbol hüpfen. Da solltet ihr das komplette Kapitel sehen können.)

Immerhin aber war ihr klar, dass sie träumte und dass daher von dieser gruseligen Gestalt im schwarzen, langen Spitzenrock, der so aussah, als hätte ihn das junge Ding aus den Untiefen der Mottenkiste ihrer Uroma gefischt, keine reale Gefahr ausging. Ein Glück, dass Sabine hauptsächlich luzid träumte. Dennoch war es schon ein klein wenig verstörend, dass das mysteriöse Mädchen mit jedem Traum an Kontur und Details gewann und Sabine langsam, aber sicher immer mehr auf die Pelle rückte. Letzte Woche hatte es noch draußen gestanden und durch’s Fenster gesehen und heute befand es sich schon mit im Raum.

Sabine fröstelte. Doch dann vergegenwärtigte sie sich, dass niemand anderes als sie selbst für ihre Traumgemälde verantwortlich war. Und je nachdem, wohin sie ihren Geist lenkte – oder ihr Geist sie, würde diese oder jene Stelle im Bild genauer ausgearbeitet werden.

Insgeheim zollte Sabine ihrer bizarren Phantasie für die Kreativität, die diese bei der Ausgestaltung des Traummädchens an den Tag legte, sogar einen gewissen Respekt. In dieser Nacht hatte die Kleine zum ersten Mal die Kapuze ihres Mantels, der ebenso altmodisch wie der Rock und obendrein viel zu groß war, abgenommen. Mehr irritiert als erschrocken stellte Sabine fest, dass die eine Schädelhälfte des Mädchens blank rasiert war, während sich von der anderen eine Kaskade schwarzen Schneewittchenhaars bis weit über die Schultern ergoss. In Anbetracht des ausgemergelten, offensichtlich völlig mangelernährten Körpers, im Vergleich zu dem sogar Kate Moss wie ein Plus Size Model wirkte, wunderte sich Sabine darüber, wie das Haar noch so seidig glänzen konnte. Ein schwarzes Auge erwiderte Sabines Blick teilnahmslos. Das andere war unter der dunklen Haarpracht begraben.

Prompt musste sie an ihren pubertierenden Sohn denken, der auch Meister darin war, desinteressiert durch sie hindurchzustieren.

Frustriert darüber, dass sie ausgerechnet vor einem Tag, der ihr auch ohne Schlafmangel alles abverlangen würde, Albträume heimsuchten, warf sie ihre Angst über Bord und marschierte zu dem Mädchen hinüber. Doch wie das im Traum so ist, kam sie kaum vom Fleck. Die Kleine tat ihr also im Grunde einen Gefallen, indem sie plötzlich direkt vor Sabine auftauchte. Ihr Antlitz war so bleich und der violette Schatten unter ihrem sichtbaren Auge so ausgeprägt, dass Sabine ihr am liebsten eine Flasche Rotkäppchensaft mit extra viel Eisen in den Schlund gekippt hätte. Doch diese schwarzgeschminkten Lippen sahen nicht so aus, als würden sie sich bereitwillig einfach so öffnen.
Sabine holte tief Luft und sog dabei eher unfreiwillig den unangenehmen Geruch, der das Mädchen umgab, in sich auf. Sie stank nicht nach Gruft, sondern nach Krankenhaus. Den Duft von Desinfektionsmitteln assoziierte Sabine allerdings mit schlimmeren Erinnerungen als den von Friedhofserde. Sie schüttelte sich kurz. Dann besann sie sich wieder darauf, dass sie es war, die hier die Fäden in der Hand hielt.

“Was ist dein Problem?”, fragte sie also forsch, nachdem ihre Sauerstoffversorgung wieder im Normalbereich lag. “Mir reicht es schon, dass ich tagsüber von einem dauer-motzigen Teenager umgeben bin. Da brauch ich nachts nicht auch noch einen, der mich verfolgt.”

Der schwarze Mund bewegte sich noch immer nicht, doch das war auch nicht nötig. Die Antwort vernahm Sabine direkt in ihrem Kopf:
“Nicht ich hab ein Problem, sondern du.”

In diesem Moment wechselte die Szenerie plötzlich und Sabine fand sich vor dem Spiegelschrank in ihrem Badezimmer wieder. Während ihre rechte Hand automatisch nach dem Zahnputzzeug auf der mittleren Ebene griff, überlegte sie, ob ihr Traum vielleicht doch schon ein jähes Ende gefunden und sie im Halbschlaf bereits mit ihrer Morgenroutine begonnen hatte und ins Badezimmer geschlurft war. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie sich an die Ausübung solch automatisierter Abläufe nicht erinnern konnte und sie danach das Gefühl hatte, einer partiellen Amnesie anheimgefallen zu sein.

Tja, spätestens, sobald sie das Türchen des Spiegelschranks wieder schloss, würde sie wissen, ob sie noch im Traum gefangen war. Obwohl sie ihr Hirn dafür schalt, dass es sie mit einem solchen 0815-Horrrorfilmsetting beleidigte, wusste sie, dass ihr trotzdem kurz das Blut in den Adern gefrieren würde, wenn das Mädchen hinter ihr im Spiegel auftauchte. Daher putzte sie sich erstmal ausgiebig, wenn auch nicht wirklich seelenruhig, die Zähne. Im Falle des Falles konnte sie dann dem penetranten Desinfektionsmittelduft zumindest frischen Pfefferminzatem entgegensetzen.

Nach gefühlten Stunden, in denen sie sich fast den kompletten Zahnschmelz von ihren Beisserchen geschrubbt hatte, schaffte sie es doch, die Spiegelschranktür mit zitternden Fingern zuzuklappen. Noch widerwilliger als sonst inspizierte sie ihr Spiegelbild und die Hintergrundkulisse. Keine Spur von dem Gothic Girl. Erleichtert atmete Sabine auf und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. Also war sie wohl doch schon wach und der Albtraum Geschichte. Zumindest bis zur nächsten Nacht.

Sie kippte sich ein Ladung kalten Wassers ins Gesicht und machte sich im Anschluss daran, ihre blonden Locken zu bürsten. Früher einmal waren sie wirklich von einem wunderschönen Goldton gewesen, aber inzwischen musste sie mit künstlicher Farbe nachhelfen. Leider war bei der letzten Blondierung etwas schiefgegangen und nun erinnerte ihr Haar weniger an ein leuchtendes Weizenfeld denn an eine Seegraswiese. Dieser Grünstich war wirklich unansehnlich. Sie würde bei Gelegenheit mal ein ernstes Wörtchen mit ihrer Friseurin wechseln müssen. Andererseits harmonierte dieser Farbton wunderbar mit dem Flaschengrün ihrer Augen und für wen sollte sie sich überhaupt herausputzen?

Max, ihr Sohn, hielt sie schon seit Jahren für scheintot. Ob ihrer kläglichen Experimente mit diversen Online-Partnerbörsen hatte er nur den Kopf geschüttelt und wenn er hin und wieder einem von Sabines Dates versehentlich morgens in der Küche begegnet war, hatte er nur angewidert das Gesicht verzogen und seine Mutter anschließend keines Blickes mehr gewürdigt. Als wäre es ein Verbrechen, wenn man sich auch mit über 50 noch nach Liebe und Sexualität sehnte. Gut, nachdem Sabine nun hochdosierte Antidepressiva nahm, hatte sich das mit der Libido ohnehin erledigt. Was nicht nur das Verhältnis zu Max wieder deutlich entspannte, sondern auch ihr selbst einiges an Unannehmlichkeiten und Enttäuschungen ersparte. Wenn sie doch mal alle Jubeljahre einmal die Lust überkam, legte sie lieber selbst Hand an. Das war wesentlich stressfreier und befriedigender, als vorher den Mamaersatz für einen gebrochen, frisch verlassenen Ex-Ehemann oder den Ego-Pusher für einen alternden Möchtegerncasanova zu spielen, der in seinem Leben angeblich halb Deutschland flachgelegt hatte – zumindest den weiblichen Anteil, aber “Klitoris” nicht einmal buchstabieren konnte.

So gesehen waren die Happy Pills schon eine feine Sache. Wenn nur die verdammten Kopfschmerzen nicht wären. Stöhnend schloss Sabine die Augen und massierte sich die Schläfen.

Doch als sie die Lider wieder nach oben klappte, verebbete das dröhnende Hämmern schlagartig. Statt der Reflexion ihres eigenen Gesichts blickte sie in das bleiche Antlitz des Gruftiemädchens. Diesmal starrten Sabine zwei pupillenlose Augen entgegen. Über der linken Braue, die zuvor noch von Haaren bedeckt gewesen war, prangte ein kleines Tattoo. Die zackige Schrift stand in krassem Kontrast zur Bedeutung dieses Wortes: “Engelchen”. In Sabines Hirn machte es irgendwo “klick”. Trotzdem hatte sie noch immer keine Ahnung, wer das Mädchen war und was es ihr mitteilen wollte. Unter der Kopfhaut seiner blanken Schädelseite pulsierte es unnatürlich. Sabine konnte sich keinen Reim darauf machen, doch der groteske Anblick jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Und als die schwarzen Lippen sich nun langsam zur Parodie eines Lächelns verzogen und das schaurige Gör auch noch die Frechheit besaß, mit seinem knöchernen Zeigefinger gegen die weiße Stirn zu tippen, war das zu viel für Sabine.

Mit einem gellenden Schrei wachte sie auf.

Sie brauchte geschlagene dreißig Minuten, bis sie sich imstande sah, sich im Zeitlupentempo aus dem Bett zu hieven. Ihre übliche Morgenroutine ließ sie heute sausen. Statt ins Bad führte sie ihr erster Gang in die Küche und zur Kaffeemaschine. Sobald sie das vertraute Blubbern und Rumoren vernahm und das flüssige, schwarze Gold langsam in die durchsichtige Kanne plätscherte, normalisiert sich auch Sabines Herzschlag. Trotzdem fühlte sie sich nicht einmal ansatzweise gewappnet für den Besuch bei ihrem Vater. Weder für seine Selbstgespräche und die anderen Wunderlichkeiten, noch für die Stimmung am Grab und erst recht nicht für ihr ehemaliges Elternhaus und das, was dort auf sie wartete.

Sie hatte es schon immer sehr makaber gefunden, dass ihr Vater ausgerechnet an Allerheiligen Geburtstag hatte. Und seit ihre Mutter tot war, erschien ihr das Ganze noch skurriler. Leichenschmaus mit Geburtstagskuchen … das hatte auch nicht jeder.

Nächster Teil

2 Kommentare

  1. Dein Schreibstil hat Potential, ich werde dranbleiben… LG!

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